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Die Musealisierung der Straße

Streetart-Metropole München. Bayerns Landeshauptstadt, einst wegen der enormen Anzahl der Delikte die erste Stadt Deutschlands mit einer polizeilichen Soko Graffiti, ist paradoxerweise seit 2016 auch die erste Stadt Deutschlands mit einem eigenen Museum für Urban-Art.

Autor:
Nico Sauerland
Art Consulting

Reportage über das MUCA

Seither beherbergt das Hackenviertel Deutschlands erstes Museum, das sich mit der kunstgeschichtlichen Einordnung dieser ursprünglich wilden Kunst befasst – und dies in aufsehenerregender Kulisse mit hochkarätigen Ausstellungen.

Wo könnte ein Museum, das sich mit urbaner Kunst befasst, besser aufgehoben sein als im Herzen einer Großstadt? Gerade einmal sechs Minuten Fußweg entfernt vom Marienplatz und Sendlinger Tor und acht Minuten entfernt vom Stachus, positioniert sich das MUCA – so die Abkürzung des »Museum of Urban and Contemporary Art« – mitten im Zentrum Münchens als erstes Museum seiner Art auf deutschem Boden. 

Gegründet wurde es vor nahezu zwei Jahren von den Eheleuten Stephanie und 

Christian Utz. Kein anderes Haus verschreibt sich seitdem in einer solchen Intensität und einem solch erstklassigen Ausstellungsprogramm der Streetart – jener Kunst, die in den Straßen der Großstädte geboren wurde. 

MUCA – museum of urban and contemporary art

Es ist kein Widerspruch, dieser ursprünglich wilden Kunst einen musealen Raum zu geben. Ganz im Gegenteil. Nach Ansicht der MUCA-Gründer war es geradezu überfällig, der sich stetig erneuernden und oftmals vergänglichen Streetart den Einzug in die Kunstgeschichte voranzutreiben. DER Kunstgattung des 21. Jahrhunderts, die zwar global gefeiert, aber immer noch nicht gänzlich im Kunstdiskurs angelangt ist. »Unser Traum war es immer, Urban-Art und Streetart zu musealisieren«, so die Eheleute Utz. Ihre über ein Vierteljahrhundert andauernden Erfahrungen als Sammler, Experten und Galeristen haben diesen Traum heranreifen lassen. Als sich mit der Ausschreibung eines neuen Nutzungskonzepts für die Räume eines ehemaligen Umspannwerks der Münchener Stadtwerke in der Hotterstraße plötzlich die ersehnte Chance ergeben hatte, zögerten Christian und Stephanie Utz nicht lange und schritten sofort zur Tat. 

Das vollständig privat finanzierte Projekt begeistert. Der vormalige Zweckbau verwandelte sich in eine aufsehenerregende Kulisse, ist selbst mehr Kunstwerk als bloßer Ausstellungsraum. Hinter der vom in Berlin lebenden Streetartisten Stohead komplett in ein kaligraphisches Wimmelbild gehüllten Fassade eröffnen sich insgesamt 2.000 Quadratmeter lichtdurchfluteter Räume. In seiner Offenheit definiert das MUCA den Charakter eines Forums, was so von seinen Gründern auch explizit gewünscht ist. Dieses Museum soll Kunst nicht einfach nur frontal präsentieren. Vielmehr geht es um den Austausch, den Brückenschlag zwischen Künstlern und Publikum, die Möglichkeit eines Dialoges zwischen Urban- Art und anderen zeitgenössischen Kunstformen, zwischen großen Namen und großen Talenten. Auf mehreren Kunsterlebnisebenen sind im MUCA darum nicht nur die Werke renommierter, international gefeierter Künstler zu sehen. Den Eheleuten Utz ist es ebenfalls ein Anliegen, experimentellen Formaten und interessanten Positionen eine Plattform zu bieten. Denn: »Wir glauben daran, dass Kunst das Potenzial hat, die Wahrnehmung auf die Welt zu verändern.« Kunstvermittlung ist ihnen in diesem Kontext enorm wichtig. Deshalb werden die jeweiligen Ausstellungen von Künstler- und Expertengesprächen ebenso begleitet wie von Lesungen und exklusiven Kuratorenführungen. 

Mit dieser Zielausrichtung sind in den ersten beiden Jahre bereits einige exzellent kuratierte Ausstellungen im MUCA zu sehen gewesen. Dabei leuchtete etwa »The Art Of Writing« die Schnittstellen zwischen Graffiti und Kalligraphie exakt aus. »Die Bunte Art« stellte der illustrierten Wirklichkeit eine abstrakte Inszenierung gegenüber, während »Urban Fine Art« als Collec-tor’s Show teilweise Streetart-Exponate an den Wänden des MUCA präsentieren konnte, die zuvor noch nie gezeigt worden waren. Performancekunst, Fotografie und immer wieder Graffiti: Seit Dezember 2016 wird hier die Vielfalt der zeitgenössischen Kunst abgebildet und mit Hochkarätern von Banksy über Zeus bis Shepard Fairey besetzt. Erst kürzlich endete eine Ausstellung, die verschollen geglaubte Fotografien von Andy Warhol präsentieren konnte, ehe Tim Bengel, einer der aktuell begehrtesten jungen Künstler Deutschlands, den Raum für sich in Anspruch nahm. 

Mit einem derart abwechslungsreichen Programm zwischen »alten Meistern« und jungen Visionären ist Deutschlands erstes Museum für urbane Kunst auf dem besten Weg, der Streetart die Tür in den kunstgeschichtlichen Diskurs aufzustoßen. www.muca.eu 

Vor der Kulisse, hinter der Kulisse
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