Sammlerland Rheinland

Wer nicht weiß, was sich hinter der unscheinbaren Toreinfahrt in der Birkenstraße 47a verbirgt, läuft an der Sammlung Philara in Düsseldorf-Flingern einfach vorbei.

Autor:
Nico Sauerland
Art Consulting

Dabei lohnt sich schon allein wegen der seit 2014 in einer umgebauten Glasfabrik beheimateten Sammlung ein Besuch des Rheinlandes.

Auch an diesem Ort bestätigt sich: Wer Kunst sammelt, gibt ein Statement für Offenheit und Interesse am Diskurs zu gesellschaftlichen Themen ab. Wer Kunst sammelt, erkennt die Tatsache an, dass es auf viele Fragen keine einfachen Antworten gibt und der Reiz vielmehr in der Vielschichtigkeit und dem nicht Erklärbaren liegt.

Walter Gehlen im Portrait

Die meisten Sammler arbeiten auf der Suche nach den besten Arbeiten sehr eng mit Galeristen zusammen. Für eine langfristige Künstlerkarriere spielen Galeristen eine entscheidende Rolle, da sie ihre Künstler durch relevante Ausstellungen in den richtigen Kontext setzen und in bedeutenden Institutionen und Sammlungen platzieren.

Die Themen, auf die Sammlungen sich fokussieren, sind so unterschiedlich wie die Sammler selbst. Es kann die regionale Herkunft der Arbeiten sein (z.B. japanische Rollbilder wie in der Langen Foundation), ein bestimmtes Medium (Videoarbeiten z.B. sind Schwerpunkt der Julia Stoschek Collection) oder ein bestimmtes Thema wie beispielsweise geometrische Formen (das Quadrat steht z.B. im Fokus der Sammlung Marli Hoppe-Ritter).

Schon seit den 60er Jahren lockt das Rheinland die Sammler mit hochkarätiger Gegenwartskunst.

Der Kölner Galerist Michael Werner begründete in dieser Zeit u.a. die Karriere von Georg Baselitz, während 1964 der Künstler Konrad Lueg mit seinen berühmten Kollegen Gerhard Richter und Sigmar Polke ihre legendäre Vorgartenausstellung zeigten, bevor Lueg – dann als Galerist namens Konrad Fischer – Künstlern wie Carl André, Richard Long und Bruce Nauman zu Weltruhm verhalf. Der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer holte 1979 Andy Warhol als Erster ins Rheinland und machte ihn mit Josef Beuys bekannt. So entstand eine weitere Achse des künstlerischen Austauschs zwischen New York und dem Rheinland, die inzwischen Kunstgeschichte ist.

Wer Kunst sammeln möchte, hat im Rheinland die beste Gelegenheit, sich unter den vielen etablierten und auch jungen Galerien in Köln und Düsseldorf einen oder mehrere Sparringspartner zu suchen. Ein Rundgang durch Düsseldorf-Flingern ist ein guter Startpunkt, da hier viele hervorragende Galerien in direkter Nachbarschaft zu Fuß erreichbar sind. Gute Cafés und Restaurants sowie die Sammlung Philara runden den Besuch ab. Wer befürchtet, ein renommierter Galerist, wie beispielsweise Hans Mayer, sei nur mit einem dicken Portemonnaie hinter dem Schreibtisch hervorzulocken, irrt. Auch für den jungen Sammler gibt es hier immer einen Rat für Budgets ab 1.000 Euro. 

Wie attraktiv das Rheinland ist, lässt sich auch an der Vielfalt fantastischer Ausstellungen ablesen, die hier präsentiert werden.

Im Umkreis von 50 Kilometern gibt es 28 Museen für zeitgenössische Kunst. So eine Dichte ist weltweit einmalig.

Außenansicht des Museumsgebäudes, Passage mit Installation von Daniel Buren

In dem spektakulären Tadao Ando Bau der Langen Foundation zeigt die renommierte Burger Collection Hongkong momentan einen Teil ihrer Werke in der wunderbaren Ausstellung „How to See [What Isn’t There]“. Von Gianni Jetzer, Kurator des Hirschhorn Museums in Washington, zusammengestellt, lädt sie dazu ein, Sichtbares zu hinterfragen und geht dabei unter die Haut: von einer vibrierenden Bank (Nadia Kaabi-Linke), die das nervöse Fußtippeln eines Flüchtlings simuliert, der auf seinen Bescheid wartet, über eine dunkle VR-Arbeit von Jon Rafman, die sich mit den unsichtbaren Gefahren von Krieg auseinandersetzt, bis hin zu weiteren faszinierenden Werken, die auf die Geschichte des Museumsgeländes anspielen – die ehemalige Raketenstation Hombroich, wo amerikanische Raketen stationiert waren.

Andernorts in Düsseldorf zeigt das K21 in diesem Herbst die chinesische Künstlerin Cao Fei. Sie gilt als Pionierin der digitalen Medien und Netzwerktechnologien und präsentiert ihre erste große Einzelausstellung. Ihre Werke reflektieren sehr eingehend die gesellschaftliche und urbane Situation Chinas und hinterfragen dabei, wohin sich die Gesellschaft und mit ihr die Großstädte entwickeln. Die Ausstellung wurde von dem Rheinländer Klaus Biesenbach für das MoMA PS1, New York, und in Kooperation mit der Julia Stoschek Collection, Düsseldorf/ Berlin kuratiert.

Noch bis Anfang 2019 zeigt das Museum Ludwig in Köln erstmals eine Ausstellung der Malerin Gabriele Münter (1877–1962). Münter war eine Künstlerfigur des deutschen Expressionismus‘, der Gruppe „Der Blaue Reiter“ zugehörig und langjährige Lebensgefährtin Wassily Kandinskys.

Kochkunst spielt im Rheinland übrigens ebenso eine große Rolle. Der Künstler Daniel Spoerri schuf in den 70ern die Düsseldorfer Eat Art Gallery, in der alle drei Wochen von unterschiedlichen Künstlern essbare Kunst serviert wurde – legendär der „Banana Prick“, eine mit Lachsmousse aufrecht auf einem Feigenblatt stehende Bananenschale flankiert von zwei hartgekochten Wachteleiern.

Auch heute wird im Rheinland noch essbare Kunst serviert. Allerdings steht hier nicht mehr die Provokation, sondern das Kochhandwerk auf internationalem Höchst-Niveau im Fokus. In Düsseldorf gibt es beispielsweise eines der besten japanischen Restaurants in Europa: das Michelin-Stern-gekrönte Nagaya in der Klosterstraße – ein Hochgenuss, der jeden Kunsttrip ins Rheinland nicht nur visuell, sondern auch kulinarisch unvergesslich macht.

Ein Gesamtkunstwerk aus der Zukunft – Eva & Adele
Arrow right