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WHEN A HEART BEATS FOR PASTA – oder wenn Spaghetti zum Designmedium transformieren.

DASS KUNST AUCH DURCH DEN MAGEN GEHT, ist bekannt, doch Michael Griesbeck hat darin völlig neue Pfade beschritten und somit seinen ganz persönlichen Weg zur Materie „Kunst" gefunden. Im bürgerlichen Leben ist Griesbeck technischer Leiter eines erfolgreichen Münchener Projektentwicklers.

Das Gespräch führte:
Beatrice Starck
Kuratorin

Ein durchaus kulinarisches Interview mit Michael Griesbeck

Beatrice Starck

WIE KAM ES ALSO ZUR BERUFUNG, AUCH ALS KÜNSTLER TÄTIG ZU WERDEN?

Griesbeck

Eine berechtigte Frage, denn obgleich ich Wirtschaft studiert habe und nun den technischen Bereich eines Münchener Projektentwicklers leite, liebe ich das Kreative, das Gestalten von klein auf, das schon sehr früh auffällig wurde, mich aber noch nicht zur Kunst brachte. Ein Ansporn war sicher auch, dass ich damals kein Geld hatte, um mir überhaupt ein Bild zu kaufen, das mir gefallen hätte. Immer standen wichtigere und „sinnvollere“ Investitionen an. „Dann muss ich mir halt selber eines malen“, dachte ich. Eine Beckmann-Ausstellung, die ich zusammen mit meinem Unternehmensvorstand besuchte, gab dann vermutlich den letzten Ausschlag. Diese, der Zeit geschuldeten, eher düster wirkenden Arbeiten stellten einen entscheidenden Wendepunkt für mich dar. Ich riskierte ein „loses Mundwerk“ und behauptete, dass ich das auch könne – und von da an stand ich in der Pflicht zu liefern.

Das war der Startschuss, auf den Michael Griesbeck gewartet hatte. Zu neugierig ist er, sich auch selbst auszutesten, zu erkunden, und zudem ist er ein ausgeprägter „Feinschmecker“ des Lebens. Aber er konsumiert Leben nicht wahllos, sondern genießt gerne mit allen Sinnen und in allen Bereichen. Strukturen haben es ihm angetan. Strukturen begleiten ihn in seinem Beruf im Bauwesen, und Strukturen machen für ihn Sinn, der zur Sinnlichkeit verführt, weil Michael Griesbeck seine Bildwerke dreidimen- sional gestaltet – Kunst als ertastbare Abstraktion. Sein bevorzugtes Medium ist unter anderem Pasta, und so entstand auch seine Serie „Noodels“, die weltweit einmalig ist.

Beatrice Starck

WIE KAM ES DAZU?

Griesbeck

Es reizt mich seit jeher, völlig eigene Wege zu gehen. Bereits früh wurde mir klar, dass es nicht darum geht, ein zweiter Warhol, Dalí, Kandinsky oder Uecker zu sein. Mir war längst bewusst, dass ich, wenn überhaupt, der erste Griesbeck werden muss. In die Fußstapfen der anderen zu treten, ist immer unfruchtbar. Die eigenen zu set- zen, dabei Wieder- erkennungswert zu generieren, das ist es, um was es mir geht. Nur so kann der eingeschlagene Weg zum Erfolg führen und letzten Endes auch Spaß und Nachhaltigkeit garantieren. Ich begann also zu experimentieren, zu transformieren und zu synthetisieren. Meine erste Arbeit entstand aus Bio-Linsen, die ich einspachtelte, um sie dann wieder mit einer Flex auf der Leinwand plan zu schleifen. Dasselbe begann ich mit Pasta, denn kennen Sie jemanden, der keine Spaghetti mag? Genau, ich auch nicht. Bei meinen „Noodles“ handelt es sich im Schwerpunkt um Spaghetti. Ob nun als Vollkorn, normale oder sepia gefärbte Nudeln, ob mit Krümmung oder gerade, besonders kurz oder extra lang, egal. Sie sind mir alle nicht nur kulinarisch, sondern eben auch als Designware herzlich willkommen und jederzeit eine Leinwand wert. Sie können sich bestimmt vorstellen, wie schön es ist, über italienische Märkte zu schlendern, um sich dabei für die nächste Arbeit inspirieren zu lassen. Genau für dieses „dolce vita“, für dieses Lebensgefühl, stehen meine „Noodles“. Transformiert auf Leinwand, eingebacken, eingespachtelt und „konserviert“, abgeschliffen und wieder frei gelegt, um diese wieder aufs Neue mit lasierenden Farbschichten zu überdecken. So lange wiederholt, bis hierdurch ein Unikat auf Leinwand entsteht, ähnlich einer delikaten Spaghetti-Sauce, oft so einfach und doch so unvergleichlich gut.

Michael Griesbeck setzt damit dem Genuss im Allgemeinen ein würdiges Denkmal, das dann so unvergänglich und köstlich die Wän- de schmückt. Und es passt so gut zu dem Sinnen-Mensch Griesbeck, der auch den Gestaltungsprozess seiner Arbeiten zu einem Fest werden lässt: Einmal tanzt der waschechte Bayer mit Haferlschuhen, auf die er im Übrigen schwört, zu Rock ’n‘ Roll und Funk-Musik, mit Farbeimern in den Händen, irgendwo in einer riesigen Fabrikhalle um sein Werk, ein andermal schwebt er auf einem Hochhausdach mit einem seiner Bilder und lässt eine Drohne den Entstehungsakt filmen – natürlich mit einem guten Glas Rotwein dazu.

Beatrice Starck

WAS GIBT IHNEN DIE KUNST – AUSSER GENUSS?

Griesbeck

Kunst ist für mich eine wundervolle Möglichkeit des Dialoges. Sie führt uns Menschen wieder ein Stück weit zusammen. Anders als die permanente Digitalisierung habe ich wieder das Gefühl, im Kontext mit der Kunst, ein Stück weit mehr zum Menschen wie auch zum Menschsein zurückzufinden. Auch stellt die Kunst für mich die Möglichkeit dar, mich gesellschaftskritischen Themen auf eine sehr eigene Art zu stellen und Probleme zu bespielen, und zu guter Letzt nutze ich die Zeit als eine Art Ventil zum allgegenwärtigen, immer komplexeren Lebens“wahn“ und bekomme gar Geld dafür, anstatt es in einen Psychiater zu investieren. Früher war es für mich der Sport – nun ist die „Kunst“ der wunder- volle Ausgleich. Auch hierzu gab es ein Schlüsselerlebnis, das ich in diesem Falle Andy Warhol verdanke. Ich stand vor einer langen Kupferplatte und las den Preis zu „s“, einer „Oxidationsfahne“. Diese Verrücktheit öffnete Kanäle in mir und schenkte mir unglaublichen Humor und Freiheit.

Michael Griesbeck, ein authentischer Mensch mit dem nötigen Tiefgang und einem respektvollen Weitblick, der rechten Bodenhaftung und dem unverzichtbaren, nicht nur künstlerischen Feingefühl, um hoch fliegen zu können.

Beatrice Stark

WAS SIND IHRE ZIELE BEI SOLCH „GUTEN“ VORAUSSETZUNGEN?

Griesbeck

Ich durfte über Jahre feststellen, dass die Menschen, die einen Sinn für Kunst haben, egal ob schaffend oder sammelnd, eine eigene Gattung sind. In der Regel nehme ich diese als friedfertig, gebildet und sehr sozial wahr. Im Kreise dieser Menschen möchte ich gerne alt werden, möchte Bilder malen, in der Sonne meinen Rotwein trinken und über das Leben philosophieren. Sollte es mir darüber hinaus gelingen, mit meiner eigenen Kunst Reisen zu finanzieren, in anderen Ländern Ausstellungen zu geben und eine kleine Spur zu hinterlassen in diesem Weltgefüge und Menschen anzuregen mit meinen Arbeiten, dann würde ich sagen, habe ich mein Ziel erreicht.

Beatrice Starck im Gespräch mit Michael Griesbeck

Kunstliebhaber dürfen also gespannt sein auf seine neuesten Werke, die nicht nur auf der kommenden ARTMUC vom 17. – 20.10. auf der Praterinsel zu sehen sind, sondern voraussichtlich auch im Februar 2020 auf der ART Karlsruhe. In Sammlerkreise hat Michael Griesbeck mittlerweile Einzug mit seinen Arbeiten gehalten; im Augenblick noch aus seinem unmittelbaren, illustren Geschäftsumfeld, aber seinen Namen sollte man sich dennoch schon einmal merken.

INTERVIEW: Beatrice Starck, Kuratorin

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