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RANDOM DATA, CODIERT IN MENSCHLICHEN SYSTEMEN - Ein Atelierbesuch bei Tamara K. E.

Düsseldorf. Der Besuch von Kunstmessen ist toll! Jedenfalls in den ersten Stunden. Irgendwann beginnt es anstrengend zu werden, weil spürbar die Konzentration nachlässt. So manches gute Kunstwerk wird dann schlichtweg übersehen. Es sei denn ...

Autorin:
Elke Backes
Kunsthistorikerin

HALT! VOLLBREMSUNG.

EIN KUNSTWERK ODER EINE GESAMTPRÄSENTATION entfalten eine Präsenz, dass man sich ihrer nicht entziehen kann. So geschehen in Wien, bei der Präsentation der Arbeiten von Tamara K.E. auf der letztjährigen viennacontemporary. Was war das? Großformatige, Manga-artige Gemälde auf Folie, mal an der Wand hängend, mal in Alurahmen hintereinander an der Wand angelehnt; eine undefinierbare, an Seilen befestigte, auf dem Boden liegende Skulptur und dann noch dieses Bild mit den rothaarigen, sich an den Händen haltenden Zwillingen. Es hatte mich sofort erwischt.

Installationsansicht der Präsentation auf der viennacontemporary 2018, Galerie Beck & Eggeling

ICH HATTE GLÜCK. Die Künstlerin war vor Ort, und wir konnten uns zu einem Atelierbesuch verabreden. Mittlerweile lebt und arbeitet sie überwiegend in New York, zwischendurch aber auch immer mal wieder in ihrer Studiowohnung in Düsseldorf, wo wir uns treffen.

Es ist ein wunderschönes Loft, das sich vor allem durch seine imposante Deckenhöhe und seine großen Industriefenster als ein solches zu erkennen gibt. Arbeitsmaterialien, Leinwände und Mo- biliar weisen unverkennbar auf ein Künstleratelier hin. Eines der an der Wand hängenden Bilder lässt mich kurz erstarren. Da sind sie wieder…die Zwillinge. Ich erzähle meine Geschichte aus Wien und stelle die für mich entscheidende Frage: »Wie konntest du dieses Bild malen, ohne mich vorher gekannt zu haben?« Lachend antwortet sie: »Es muss eine künstlerische Intuition gewesen sein«, holt ihr Handy und schießt das Foto, das mich in Interaktion mit meinen Doppelgängerinnen zeigt.

TAMARA K.E. IST EINE DEUTSCHE KÜNSTLERIN GEORGISCHER HERKUNFT.
Als Teenager hatte es sie nach Deutschland gezogen, wo sie an den Kunstakademien von München und Düsseldorf studierte. Noch während des Studiums war sie vom Galeristen Hans Mayer entdeckt worden. Von da an ging es Schlag auf Schlag: Präsentation auf der Art Cologne, Einzug in bedeutende Kunstsammlungen, Museumsausstellungen, Teilnahme an der 50. Biennale von Venedig, Einladung zur 1. Biennale in Prag … und dann? Im Jahr 2010 – auf dem ersten Höhepunkt ihrer Karriere – packte sie ihre Koffer, ging nach New York und fing wieder bei Null an. Warum?

»Vom Moment meiner ersten Messepräsentation an war mein Leben ein anderes. Das subjektive, auf mich selbst ausgerichtete Arbeiten war plötzlich vorbei. Ich war mittendrin in den Mechanismen, die einer gewissen kreativen Irrationalität widersprachen. Der Erfolg war zwar großartig, aber irgendwann spürte ich, dass ich neue Einflüsse brauchte, das eine Periode abgeschlossen war.« »Und der Neuanfang hat funktioniert?«
»Ja. Glücklicherweise schon. Ich konnte mich wieder voll und ganz auf die Kreativität, die Menschen um mich herum und alles, was mir dort begegnete, konzentrieren.« Zeit, einen genaueren Blick auf ihre Arbeiten zu werfen. Inwiefern lassen sich darin diese vielfältigen, lebensumwälzenden Einflüsse ablesen? Wir schauen uns Abbildungen ihrer Werke in ihrem neuen Katalog und im Atelier an.

FAST ALLE MOTIVE ZEIGEN STARKE EINFLÜSSE
VON VINTAGE CARTOON.
Die Szenarien sind lebhaft, farbenfroh, oft verspielt, exzessiv und weiblich. Es scheinen Sequenzen von Erzählungen zu sein. Versucht man aber die Geschichten zu enträtseln, wird es schwierig. Oder besser gesagt – es geht nicht. Zwar lassen sich stilisierte Figuren oder Symbole erkennen, doch werden darüber eher weitere Fragen aufgeworfen als beantwortet. Darüber hinaus nimmt auch die Materialität Einfluss auf die Bildaussage. In Öl gemalt und auf Leinwand wirkt ein Motiv völlig anders als auf Folie gedruckt. Während beim Ölgemälde auch die Art und Weise des Farbauftra- ges etwas über die Stimmung beim Entstehungsprozess erzählt, lässt die makellose Oberfläche der Folie eine solche Emotionalität nicht erkennen. Trotzdem passiert auch hier etwas. Über den Schattenwurf des Hintergrundes und die Lichtreflektionen scheint das Bild in Bewegung zu sein. Ist es überhaupt ein Druck?

»Ja. Es ist ein Druck auf Diafilm-Folie. Doch liegt diesem Druck eine Zeichnung zugrunde, die ich dann scanne, zerlege und zu neuen Bildmo- tiven zusammenfüge.« Sie holt ein kleines Büchlein und schlägt es auf. Auf jeder Seite ist eine andere Tamara typische Zeichnung zu sehen. Ein wahres Schatzkästchen! »Schau dir beispielsweise diese Figur hier an. Du findest sie wieder auf dem Ölgemälde dort hinten. Doch ist die Story darin eine völlig andere, was einfach durch die neue Bildkomposition und auch die Größe hervorgerufen wird. Für mich immer wieder ein sehr spannender Prozess, wenn sich die kleinen Figuren in große Formate verwandeln. Das vormals Subjektive und Geschützte verliert sich. Sie bekommen dann plötzlich eine Verletzlichkeit.« Stimmt. Das empfinde ich jetzt auch.

»Wie kommst du auf die Figuren und woher kommt deine offensichtliche Begeisterung für den Comic-Stil?«
»Ich bin in Georgien in der Zeit der sowjetisch bestimmten Einflüsse aufgewachsen. Im Fernsehen wurden keine Comics gezeigt, nur bei Freunden konnte man sie auf Videokassette anschauen. Ich habe sie geliebt! Mal keine ideologisch besetzten Themen, sondern dem Kontext entzogene, wilde, chaotische und völlig surreale Geschichten. Meine Bildfiguren entstammen aber keinen bereits existenten Comicfiguren, sondern entwickeln sich als Random Data. Mir ist hierbei eine obsessive, nicht klar definierbare Sprache wichtig. Eine Sprache, die sich der Dynamik unserer kulturellen Erinnerungen annimmt und sich deshalb einer endgültigen Deutung verweigert. Unsere Welt ist eine extrem laute und grelle soziale Fabrik, die uns dazu herausfordert, die jüngeren, traumatisierenden soziopolitischen Erlebnisse neu zu reflektieren und aus den bisherigen Bedeutungszusammenhängen herauszulösen. Erst dann können wir uns nach vorne begeben. Vielleicht beschreibe ich in meinen Bildern den Zustand, in dem wir angeregt – mal hysterisch, mal schmerzlich – den bevorstehenden Übergang in die uns noch unbekannte Zukunft im Zeitalter der künstlichen Intelligenz erleben. Diese Gedanken finden sich in den Titeln und Motiven der Serien ›Farewelling Junkyard‹, ›Swanson in the Wide Open‹, ›Revisiting Fear‹, ›Bo-dies without Organs‹, ›The Randomizers‹ usw. sehr stark reflektiert. Auch in der Wahl der Materialität.«

»Womit wir bei deinen Arbeiten auf der viennacontemporary angekommen wären. War die auf dem Boden liegende Holzskulptur auch von dir? Ich konnte hierbei keinen Zusammenhang zu den anderen Werken erkennen.«

»Ja (lacht), das war auch anders geplant. Es handelte sich hierbei um eine Maske, die ich in prähistorischer Ästhetik aus Holz geschnitzt und zu einer Schaukel ausgearbeitet hatte. Letztlich in Bronze gegossen, sollte sie an den Seilen an der Decke aufgehängt und auch für die Messebesucher als Schaukel nutzbar gemacht werden. Ich wollte ihre massive Körperlichkeit mit der leichten Transparenz der Foliendrucke interagieren lassen und hiermit das Analoge unserer vergangenen prähistorischen Kulturgeschichte mit dem Digitalen der jetzigen und noch in der Zukunft liegen- den Kulturgeschichte in einem Bewegungsfluss erlebbar werden zu lassen. Mich interessieren diese vielschichtigen Abhängigkeiten, die Fragen, die sich auch im Zusammenhang der immer schnelleren Technisierung entwickeln.« Ist es vielleicht die Vielschichtigkeit von Abhängigkeiten, die sich insgesamt im Werk von Tamara K.E. zeigt, überlege ich abschließend.

Ihre Bildfiguren entstehen aus Gedanken, die sich aus der Reflexion über persönliche Erlebnisse und Erfahrungen und ihrem sich stetig verändernden Blick auf die Welt entwickeln. Neue Bildfiguren oder neue Bildkompositionen stehen demnach in Abhängigkeit zu vielschichtigen Formen unterschiedlichster Reflektionen. Formal umgesetzt findet sich das Ganze über ein Wechselspiel analoger und digitaler Arbeitsprozesse. Entstehung und Wahrnehmung neuer Bildkompositionen sind also auch abhängig von Technik und Medium.

Insgesamt ein künstlerischer Prozess, der mit der Vielschichtigkeit der Abhängigkeiten, der Interaktion zwischen Mensch und Technik, der Inter- aktion von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft experimentiert. Vielleicht, um als eine Art menschlicher Random-Data-Generator die Kunst von Morgen zu erforschen?

TEXT: Elke Backes
FOTOGRAFIEN: Markus Schwer
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